
"Das größte Abenteuer, das ich je erlebt habe, war die Angst zu erforschen."
Hätte mich jemand im Laufe meines Lebens vor die Wahl gestellt „Angstforscherin am eigenen Leib“ zu werden, ich hätte dankend abgelehnt. Vermutlich sogar, wenn mein Gehalt im Bereich der oberen Zehntausend gelegen hätte. Nun ist mein Leben aber anders verlaufen und heute kann ich sagen: Angstforscherin am eigenen Leib zu sein ist das Spannendste, was ich mir vorstellen kann.
Die Frage ist: Hatte ich überhaupt eine Wahl?
Zu Beginn meiner Laufbahn war ich todunglücklich, mein Leben zukünftig mit der Angst teilen zu müssen. Ich hatte die Diagnose „generalisierte Angststörung“ erhalten, auf deren Höhepunkt ich nicht mehr aus dem Haus kam. Ich hatte damals Angst vor allem, was sich außerhalb meiner vier Wände abspielte. Überall lauerten Gefahren und die Angst umzukippen, verrückt zu werden oder zu sterben war allgegenwärtig. Ich hatte vier bis fünf Panikattacken am Tag, Herzrasen, Schwindel, Sehstörungen, Übelkeit, Atemnot, Zittern, innere Unruhe – kurz um das gesamte Repertoire an Reaktionen, welche die Angst hervorrufen kann. Ich war äußerst schreckhaft und meine Nerven lagen irgendwann so blank, dass ich mich nicht mehr aus dem Bett traute. Zu dieser Zeit bestand meine Welt nur noch aus Erwartungen und Befürchtungen. Ich glaubte alles, was sich in meinem Kopf abspielte. Sobald mein Herz schneller schlug, erwartete ich zeitnah einen Herzinfarkt. Wenn mir schwindelig war, befürchtete ich umzukippen. Immer wenn mein Arm einschlief, wertete ich dies als sicheres Anzeichen eines bevorstehenden Schlaganfalls. Ich hatte das Gefühl, in der Falle zu sitzen und keine Wahl zu haben, als meinen Zustand auszuhalten. Ich hatte etwas bekommen, dass ich nicht wollte und meine größte Angst war, dass es so blieb. Ich hoffte und wartete darauf, dass sich etwas ändern oder mich irgendjemand retten würde, wie beispielsweise ein Ratgeber, eine Pille oder meine Ärztin. Manchmal wollte ich auch einfach nur noch sterben, weil mir die Vorstellung, den Rest meines Lebens so verbringen zu müssen, nicht mehr lebenswert erschien.
Dann trat die Neugier in mein Leben.
Ich bin meiner damaligen Lehrerin und Therapeutin bis heute dankbar, dass sie mich wieder und wieder ermutigt hat, neugierig zu sein und eigene Forschungen zu betreiben. Denn das war der Beginn einer interessanten Veränderung. Ich wurde Angstforscherin am eigenen Leib und machte mich mit ihrer Unterstützung mit der Angst vertraut. Ich erforschte die Angst bis in ihre Tiefen und lernte mit ihr zu sein. Neben meiner eigenen Psychotherapie studierte ich bei weiteren Lehrern buddhistische Psychologie, Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und Körperweisheit – die Weisheitslehren der Angst. Dies alles tat ich nicht, weil ich keine Wahl gehabt hätte.
Ich hatte eine Sehnsucht – die Sehnsucht frei zu leben.
Heute bin ich frei und habe meine Leidenschaft zu meinem Beruf gemacht. Als Angstleererin mit doppel-e ermutige ich Menschen, ihre eigene Angst zu erforschen. Ich unterstütze und begleite sie, die Angst zu studieren und mit ihr vertraut zu werden, um ihren eigenen Weg in die Freiheit zu finden. Dies tue ich von Herzen gern!
Denn die Angst zu erforschen ist das größte Geschenk, welches wir uns selber machen können.